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Reinigung bei Ferienwohnungen: Der blinde Fleck der meisten Vermieter

Julian Ograjensek
Julian OgrajensekMitgründer & Geschäftsführer
28. Februar 20267 Min. Lesezeit
Professionelle Reinigung einer modernen Ferienwohnung

Eine saubere Wohnung ist selbstverständlich. So denken die meisten Vermieter.

Die Daten sagen etwas anderes.

38% aller negativen Bewertungen bei Ferienwohnungen erwähnen Sauberkeit. Damit ist Reinigung der häufigste Beschwerdegrund – vor WLAN-Problemen, vor Lärm, vor falschen Fotos.

Wer die Reinigung unterschätzt, riskiert sein gesamtes Geschäftsmodell.

Die Rechnung, die niemand aufmacht

60m²-Wohnung. Zwei Schlafzimmer, ein Bad, offene Küche.

Typische Annahme: 2 Stunden Reinigung, 15 € Stundenlohn. Macht 30 € pro Wechsel.

Die Realität sieht anders aus.

Zeitaufwand bei korrekter Durchführung:

Bettwäsche abziehen und neu beziehen: 25 Minuten. Bad komplett reinigen: 35 Minuten. Küche inklusive Geräte: 30 Minuten. Böden wischen und saugen: 20 Minuten. Staubwischen, Details: 20 Minuten. Wäsche waschen, trocknen, falten: 90 Minuten.

Summe: 3,5 bis 4 Stunden.

Bei 15 € Stundenlohn: 52 bis 60 €. Plus Reinigungsmittel, Wäscheverschleiß, Anfahrt.

Realistische Kosten pro Wechsel: 70 bis 90 €.

Das Dilemma der Kurzzeitvermietung

Ein Zwei-Nächte-Aufenthalt generiert bei 95 € Nachtpreis etwa 190 € Umsatz.

Nach Plattformgebühren bleiben 165 €.

Minus 80 € Reinigung: 85 € Deckungsbeitrag.

Ein Sieben-Nächte-Aufenthalt bei gleichem Nachtpreis generiert 665 € Umsatz.

Nach Plattformgebühren: 580 €.

Minus 80 € Reinigung: 500 € Deckungsbeitrag.

Dieselbe Reinigungsleistung. Sechsfacher Deckungsbeitrag.

Kurze Aufenthalte sind Reinigungsintensiv. Diese Erkenntnis fehlt in vielen Kalkulationen. Mehr dazu im Artikel über Mindestaufenthalte in der Nebensaison.

Die Personalfrage

Selbst putzen spart Geld. Auf dem Papier.

In der Praxis bedeutet es: Samstags um 14 Uhr zwischen Check-out und Check-in drei Stunden putzen. Jedes Wochenende. In der Hochsaison auch unter der Woche.

Die meisten Vermieter halten das sechs bis zwölf Monate durch.

Dann suchen sie Personal.

Und stoßen auf das nächste Problem.

Gute Reinigungskräfte sind rar.

Wer zuverlässig, gründlich und flexibel ist, hat bereits genug Aufträge. Die Fluktuation bei Reinigungspersonal im Gastgewerbe liegt bei über 40% pro Jahr.

Drei Szenarien:

Angestellte – Sozialversicherungspflichtig, arbeitsrechtlich komplex. Lohnt sich erst ab 3 bis 4 Objekten.

Minijobber – Flexibler, aber 520-€-Grenze schnell erreicht. Bei 80 € pro Reinigung sind das 6 bis 7 Einsätze pro Monat.

Reinigungsfirma – Professionell, aber 30 bis 50% teurer. Und nicht jede Firma versteht Ferienwohnungen.

Was "sauber" bedeutet

Eine Hotel-Reinigung dauert 20 Minuten. Standardisierte Abläufe, minimale Ausstattung, tägliche Routine.

Eine Ferienwohnung ist kein Hotel.

Gäste erwarten Wohnqualität. Sie öffnen Schubladen. Sie schauen hinter die Toilette. Sie prüfen die Kaffeemaschine auf Kalkrückstände.

Der Standard ist nicht "optisch sauber". Der Standard ist "wie neu".

Kritische Prüfpunkte:

Matratzenschoner – werden nach jedem Gast gewechselt oder nur bei Bedarf?

Kühlschrank – innen ausgewischt oder nur leere Flaschen entfernt?

Fernbedienungen – desinfiziert oder ignoriert?

Lichtschalter und Türgriffe – abgewischt?

Balkontür-Schienen – frei von Staub und Insekten?

Diese Details entscheiden über Fünf-Sterne-Bewertungen.

Systeme statt Hoffnung

Professionelle Reinigung basiert auf Checklisten.

Nicht weil Reinigungskräfte inkompetent sind – sondern weil unter Zeitdruck Details vergessen werden.

Eine Checkliste mit 30 bis 40 Punkten mag übertrieben wirken.

Sie verhindert den einen vergessenen Punkt, der zur Beschwerde führt.

Zusätzlich sinnvoll:

Foto-Dokumentation nach jeder Reinigung. Beweissicherung bei späteren Beschwerden.

Inventory-Check. Zählen, was da sein sollte: Handtücher, Gläser, Besteck.

Qualitätsstichproben. Unangekündigt. Mindestens einmal monatlich.

Der saisonale Faktor

Im Juli sind Reinigungskräfte ausgebucht.

Wer keine festen Vereinbarungen hat, steht ohne Personal da. Oder zahlt Aufschläge.

Im November ist Personal verfügbar – aber die wenigen Buchungen rechtfertigen kaum feste Mitarbeiter.

Dieses Mismatch löst sich nicht von selbst.

Es erfordert Planung: Jahresverträge mit Mindestabnahme, Pooling mit anderen Vermietern, oder die Entscheidung, in der Nebensaison selbst zu reinigen.

Die strategische Konsequenz

Reinigung ist kein Kostenfaktor. Sie ist ein kritischer Geschäftsprozess.

Wer hier spart, zahlt an anderer Stelle.

Niedrigere Preise wegen schlechterer Bewertungen. Mehr Aufwand für Beschwerdemanagement. Höhere Fluktuation bei Personal.

Die billigste Reinigung ist langfristig die teuerste.

Viele Vermieter, die den operativen Aufwand unterschätzen, entscheiden sich irgendwann für professionelles Airbnb Management. Nicht weil sie es nicht selbst könnten – sondern weil die Opportunitätskosten zu hoch werden.

Reinigung ist der Test, ob Kurzzeitvermietung als Geschäft oder als Hobby betrieben wird.

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